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Vortrag

Mitarbeiterorientierte Personalentwicklung in Industrie 4.0

Donnerstag (17.09.2020)
17:30 - 18:00 Uhr

17:30 - 18:00 Uhr

Der technische Wandel, der als Industrie 4.0 bezeichnet wird, steht für die vierte industrielle Revolution, welche die Informations- und Kommunikationstechnologien mit Produktions- und Automatisierungstechniken verbindet, um dadurch eine neue Form der Organisation und Steuerung der Produktionsabläufe anzustreben. Die neue Produktionslogik verfolgt somit das Ziel, die realen Produktionskomponenten und Prozesse mit den datenverarbeitenden (virtuellen) Produktionskomponenten und Prozessen zu vereinen. Diese werden in der Lage sein, ohne menschlichen Zugriff ortsunabhängig im digitalen Netzwerk innerbetrieblich und außerbetrieblich Informationen über die gesamte Wertschöpfungskette auszutauschen und abzurufen. In der durch die intelligenten Produktionskomponenten entstehenden Fabrik werden Mensch, Maschine und Ressourcen in der Lage sein, direkt über Internet der Dinge und Dienste zu interagieren. Es entsteht eine neue Produktionsfolge, welche die Anlagen/Maschinen, Geräte, Produktionssysteme zu einer einheitlichen Abfolge verzahnt. Somit wird die Arbeitswelt vor neue komplexe Herausforderungen gestellt, die nur mit menschlicher Kompetenz bewältigt werden können.  Um dieser zunehmenden Vernetzung sowie Autonomie von Produktionssystemen folgen zu können, wird die Qualifizierung der Produktionsmitarbeiter zu einem wichtigen Thema, da sie sich der neuen Produktionslogik anpassen und mit ihren Eigenschaften in der Industrie 4.0 aktiv mitwirken müssen, damit die Unternehmen weiterhin wettbewerbsfähig auf dem Markt bestehen können.

Basierend auf dieser Grundlage wird in dem Symposium diskutiert, wie die Produktionsmitarbeiter auf die Industrie 4.0 vorbereitet werden sollten und ob die gegenwärtigen Qualifizierungsangebote ausreichen werden die Produktionsmitarbeiter an die Industrie 4.0 heranzuführen. Für eine umfassende Beantwortung der Forschungsfrage werden im Vortrag sowohl theoretische als auch empirische Sichtweisen ausdiskutiert. Beim Blick in theoretische Konzepte werden der Begriff Industrie 4.0, die Besonderheiten sowie die Anforderungen an Produktionsmitarbeiter in Industrie 4.0 dargestellt. Demnach wird auch die heutige Personalentwicklung samt ihren Instrumenten präsentiert, um in diesem Zusammenhang den Bezug zu Industrie 4.0 herzustellen.

Im Mittelpunkt des Symposiums stehen die empirischen Untersuchungen, um praxisnah aufzeigen zu können, inwieweit sich der Begriff Industrie 4.0 in produzierenden Unternehmen etabliert hat. Anhand der empirischen Methode des Experteninterviews wurden Daten erhoben, um die Forschungsfrage zu beantworten, wie die Produktionsmitarbeiter auf die Industrie 4.0 vorbereitet werden sollten. Bezüglich der Einheitlichkeit der gestellten Forschungsfrage wurden hauptsächlich Produktionsmitarbeiter befragt. Die Stichprobe setzt sich aus n=29 Produktionsmitarbeitern, wobei 48% von ihnen aus großen Unternehmen und 52% aus mittleren Unternehmen kommen. Sowohl jüngere als auch ältere Produktionsmitarbeiter erklärten sich bereit für die Teilnahme an dem Interview. Der erstellte Interviewleitfaden lehnt sich an die theoretische Ausarbeitung an. Anfangs erscheinen Einstiegsfragen, um die Redebereitschaft des Produktionsmitarbeiters zu stimulieren. Darauf folgen die aus dem Theorieteil ermittelten Fragen. Im Anschluss folgt eine offene Abschlussfrage, die das Gespräch dem Interviewten übergibt, damit sie ihre persönlichen Gedanken uneingeschränkt äußern können. Die Ergebnisse werden nach einer qualitativen Methode ausgewertet und nach einem Kategoriensystem geordnet, um die Untersuchungsmaterialien, welche aus Kommunikationssituationen stammen, themenspezifisch unterteilen zu können. Die Kategorien: der Begriff Industrie 4.0 in Unternehmen, heutige Bildungsmaßnahmen in der Produktion, Industrie 4.0-basierte Bildung, Mensch-Roboter-Kollaboration und die Wichtigkeit eines kollegialen Arbeitsumfelds werden zur Auswertung und Diskussion herangezogen, da diese für die Beantwortung der Forschungsfrage am relevantesten erscheinen.

Als Resultat der empirischen Untersuchung wird deutlich, dass die Unternehmensgröße einen Einfluss auf den Wissensstand der Produktionsmitarbeiter hat. Die KMU scheinen noch nicht auf die Industrie 4.0 vorbereitet zu sein, während die Großunternehmen erste Schritte bezüglich der zukünftigen Arbeitswelt angehen. Weiterhin wird signifikant, dass alle Produktionsmitarbeiter als Weiterbildungsmaßnahme die Schulung kennen. Sie werden nicht mit verschiedenen und dynamischen Lerninstrumenten gefördert. Alle Interviewten bestätigten zudem, dass sie neue Tätigkeiten nach dem Learning by doing erlernen. Auch bezüglich eines der wichtigsten Instanzen, dem Mensch Roboter Kollaborationen scheinen die Produktionsmitarbeiter unaufgeklärt zu sein. Sie verbinden mit der Einführung von Robotern größtenteils den Mitarbeiterersatz, weswegen sie sich distanziert zu diesem Thema äußeren. Obwohl in der Industrie bereits überwiegend viele Roboter eingesetzt werden, zeigt sich, dass ein vermehrter Einsatz zu Akzeptanzproblemen führen kann. Zudem finden die Produktionsmitarbeiter den Fortschritt der Robotertechnik in der Industrie 4.0 wie z. B. die Hand in Hand-Kollaboration als außergewöhnlich und nicht vorstellbar. Die Aussagen der Befragten betonen, dass bislang die Vertrautheit zwischen Produktionsmitarbeitern und Robotern nicht ausreichend aufgebaut wurde, da sie den Robotern nicht vertrauen. Hinzu kommt, dass ein kollegiales Arbeitsumfeld für die Produktionsmitarbeiter ein wichtiger Motivationsfaktor ist, da dieses für sie ein Stück Verbundenheit darstellt. Daraus lässt sich schließen, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein unerlässliches Bedürfnis für sie ist, um während der Arbeit motiviert und erfolgreich Leistungen erbringen zu können. Die Mensch-Technik-Interaktion kann zwar zur Abnahme körperlicher Belastungen dienen, jedoch muss beachtet werden, dass mit veränderten Arbeitsbedingungen und - inhalten die psychische Belastung der Produktionsmitarbeiter zunehmen kann. Alle Unternehmen streben heute die neue Industrialisierung an, weniger berücksichtigt wird, dass auch die Steigung der Arbeitsunfähigkeit sowie des Produktivitätsverlustes durch die psychische Belastung begründet werden kann. Die Interviewergebnisse deuten darauf hin, dass die heutigen Personalentwicklungsinstrumente erneuert bzw. weiterentwickelt werden müssen, um den neuen Ansprüchen gerecht werden zu können. Die Produktionsmitarbeiter haben Bedenken bezüglich der Industrie 4.0. Dies kann nur dann beseitigt werden, wenn neue Personalentwicklungsinstrumente entwickelt werden, welche dynamisch facettenreicher sowie motivierender und freiheitsfördernder sind, um die Arbeit den Produktionsmitarbeitern interessanter näherbringen zu können. Festzuhalten ist, dass die Erstellung und Anwendung von Industrie 4.0-basierte Personalentwicklungsinstrumenten unabdingbar sind, da diese in einem weiteren Schritt zur Personalentwicklung herangezogen werden. Die Produktionsmitarbeiter bedürfen dieser Instrumente, um den abverlangten Ansprüchen gerecht werden zu können.

Sprecher/Referent:
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